MELANIE GRABNER  —  SORTEN-ERHALTERIN, LILATOMATE  TOMATENSORTENVIELFALT

Das Saatgutfestival ist für mich ein Ort, an dem viele Menschen Saatgut von vielen Sorten aus vielen Gärten miteinander tauschen, damit sich das Leben vielgestaltig entwickeln kann.  Ich hoffe und wünsche mir, dass hieraus viele freie, private Genbanken entstehen und sich entwickeln.
Ebenso wünsche ich mir, dass auch viele tolle Beziehungen untereinander entstehen, sowohl zwischen den Pflanzen als auch zwischen den Menschen, und miteinander.

 

Beim 2. Düsseldorfer Saatgutfestival, am 12. März 2016,  nutzte Julia Wegenast die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit Melanie Grabner: 

 

Wie bist du zu deiner Liebe zu Tomaten gekommen?

Ich bin Staudengärtnermeisterin und dadurch etwas vorgeprägt was Vielfalt, bunte Formen und Farben angeht. Das hat mich schon immer fasziniert. Und als ich dann, während meiner Lehrzeit, etwas von gestreiften und dunklen Tomaten gelesen habe, war der Entschluss schnell gefasst, so etwas anzubauen, wenn ich mal einen Garten haben würde. Damals mochte ich noch keine Tomaten, weil ich nur mit den gleichförmigen, geschmacksarmen Wasserbomben aus den 80ern aufgewachsen bin.

Im Jahr 2000 hatte ich dann den ersten größeren, eigenen Garten und habe da begonnen, einige seltene Sorten anzubauen, aus Spaß an der Freude und aus optischen Gründen. Und stellte plötzlich fest, dass sie sogar schmecken. Im Laufe der Jahre ist daraus eine richtige Sammelleidenschaft entstanden.

Wie viele Tomaten erhältst du in deiner Gärtnerei?

Ich habe ein festes Sortiment von ca. 300 – 400 Sorten, die ich vermehre.
Mein Archiv umfasst ca. 600 – 800 Tomatensorten. Da sind auch viele dabei, die ich einmal angebaut habe, mir aber erst wieder vornehmen werde, wenn ich mal ganz viel Zeit habe.

Auf etwa 200 Sorten will ich gar nicht mehr verzichten, die baue ich auch immer wieder an. Im Jahreswechsel sind es dann insgesamt etwa 300 – 400 Sorten.
In meinem Online-Lexikon & -Shop sind ca. 260 – 280 Tomatensorten gelistet, alle samenfest natürlich. Ich biete sie an, denn mir ist es wichtig, dass sie wieder angebaut werden, sodass auch ganz viele private, freie Genbanken in unseren Gärten entstehen.

Weitere Infos unter: http://www.lilatomate.de/saatgut/


Gibt es Schätzungen, wie viele Sorten es insgesamt gibt?

Das fällt sehr unterschiedlich aus. Es gibt viele Doppelgänger. So wird z.B. aus „Russische Schwarze“ wird „Noix de Russe“. Dennoch muss man auch sagen, dass sich Pflanzen in unterschiedlichen Regionen weltweit den Gegebenheiten angepasst haben.  
Man sagt, dass es grob 5.000 – 10.000 Tomatensorten weltweit gibt, in allen Varietäten. Im deutschsprachigen Raum sind es ca. 2.000 Sorten.

Ich war in vielen Ländern unterwegs und die größte Sortenvielfalt an Tomaten, und generell an Nutzpflanzen, kenne ich von hier. Von dem, was ich bislang weltweit mitbekommen habe, sind wir hier zum Glück gut bestückt. Und das finde ich auch sehr wichtig. 
Die EU-Sortenliste dagegen, fällt mit vielleicht gerade mal 300 – 400 Sorten wesentlich sortenärmer aus. Zudem sind davon mehr als die Hälfte Hybride, die nicht mehr weitervermehrt werden können. Und wenn wir in einen normalen Supermarkt gehen, dann finden wir allenfalls ein paar Dutzend unterschiedliche Sorten. Vor ein paar Jahren war es noch schlimmer, da kamen vielleicht nur drei Sorten in den Läden vor.

Damit sich das Saatgut entwickeln kann, ist es notwendig, dass es frei verfügbar bleibt und keinen Patentrechten unterliegt. Samenfestes Saatgut ist praktisch ein Open Source System. Nur durch Aussaat kann wieder neues Leben entstehen. Nur so können sich Pflanzen kontinuierlich anpassen.

Wie lange dauert es, bis man eine neue Sorte gezüchtet hat?

Das dauert im Schnitt 10 Jahre.
Dazu möchte ich sagen, ich bin keine Züchterin.

Wer eine Handelssorte entwickeln will, der braucht ca. 10 Jahre Zeit und sehr viel Geld, denn es müssen unendlich viele bürokratische Hürden genommen werden, um die neue Sorte groß vermarkten zu können.

Ich sehe mich als Erhalterin und eher als eine Art Vielfalts-Botschafterin, die Pflanzen und Menschen miteinander verbinden will.
Nichts sollte uns davon abhalten, in unseren Gärten all das zu erhalten, was uns wichtig ist.

Warum ist es so wichtig, Samen lokal zu tauschen? Welche Informationen trägt ein Samen in sich und was ist da an Lokalität drin gespeichert?

In einem Wort: Die Anpassungsbereitschaft!  
Je breiter das Genom ist, desto mehr Anpassungsmöglichkeiten sind darin vorhanden.

Genau darin besteht die Gefahr der Monopolisierung unserer Landwirtschaft: Wenn gigantische Monokulturen mit nur ein oder zwei Sorten auskommen, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Die Sorten verarmen immer mehr.  
Beim Saatgut-Tauschen ist die Möglichkeit gegeben, dass sich die Gene neu mischen können. Das finde ich auch wichtig, dass immer wieder etwas Neues hinein gebracht wird.

Nehmen wir unsere ganzen bunten Tomaten. Das sind gerade mal 5 % des Genoms der Tomaten. Gut wäre es, andere Sorten hinein zu kreuzen, damit wir einen großen Genpool haben. Und es ist auch gut, von einer Sorte mindestens 5 – 10 oder besser 10 bis sogar 30 Pflanzen im Garten zu haben. Damit sichert man einen großen Genpool innerhalb einer Sorte, und die Pflanzen können sich gut anpassen.

Für uns sind die genetischen Unterschiede zwischen den Pflanzen minimal. Aber für die Pflanzen sind sie sehr wichtig. Es gibt viele Informationen in den Genen, z.B. versteckte Krankheitsresistenzen. Diese finden sich vielleicht in einer Sorte, die nicht so viel trägt. Dafür hat sie aber eine hohe Robustheit. Und diese Eigenschaft kann wiederum sehr wichtig werden.

Also braucht man zum Erhalten viel Fläche!

Ja, oder besser noch, man vernetzt sich gut.
Tomaten sind noch relativ einfach, da kann jeder eine Handvoll in seinem Garten anbauen. Andere Gemüsesorten, wie Zucchini, Gurken, Auberginen, Bohnen, etc. verkreuzen sich arg. Da ist es besser, wenn jeder in seinem Garten ein bis zwei Sorten anbaut und man dann untereinander tauscht.  
Hierbei sind auch schon viele Feinheiten zu beachten.

Aber beim VEN – Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt – kann man unglaublich viel in Erfahrung bringen. Jeder engagierte Hobbygärtner hat beim VEN die Möglichkeit, sich wunderbar fortzubilden.

Hast du den Eindruck, dass sich da ein Wunsch nach mehr Vielfalt entwickelt?

Ja, den habe ich schon. Zum einen ist das Thema in den Medien immer stärker präsent.
Ganz viele Menschen wollen Neues ausprobieren. Dafür brauchen sie allerdings Anleitungen, die ihnen konkrete Wege aufzeigen. Es ist wichtig, dass das Lernen nachhaltig gestaltet wird, damit es nicht nur bei einem Jahr lang probieren bleibt und dann wieder aufgegeben wird.
Denn solche Initiativen wie der VEN, brauchen Menschen, die mitmachen und mithelfen.

Es ist viel Arbeit, Sorten zu erhalten, und es bringt nicht gerade viel Geld ein.  Aber es ist, meiner Meinung nach, einfach extrem wichtig für unsere Zukunft.

 

Fragen an: Melanie Grabner
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