SABINE LÜTT  —  SAATGUT-ERHALTERIN,  REGENBOGENSCHMIEDE

Was hier auf Festivals wie diesem rüberkommt, ist, dass Menschen etwas gemeinsam machen, dass sie gemeinsam Verantwortung übernehmen, gemeinsam gärtnern und Spaß haben.  
Das ist nicht der Landwirt, der im Stil der Agroindustrie wirtschaftet.
Sondern das sind viele Menschen, die zusammen etwas MIT der Erde und FÜR die Erde machen.

Beim 2. Düsseldorfer Saatgutfestival, am 12. März 2016,  nutzte Julia Wegenast die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit Sabine Lütt.

Warum ist es so wichtig, alte Sorten zu erhalten?

Der Begriff alte Sorten ist nicht ganz einfach, weil es an sich nicht unbedingt alte Sorten gibt. Es gibt alte Kulturpflanzen, die sich von Neuzüchtungen unterscheiden. Das kann man voneinander abgrenzen.  
Aber eine Sorte ist an sich immer in Entwicklung. Die verändert sich Jahr für Jahr und passt sich an die jeweiligen Bedingungen an, wenn ich sie in meinem Garten anbaue.

Was „alte Sorten“ von Neuzüchtungen unterscheidet, ist dass sie mit natürlichen Methoden gezüchtet worden sind, mit natürlicher, menschlicher Auslese. Das macht sie genetisch robuster, flexibler und auch angepasster an das Klima, an bestimmte Bedingungen, die wir vor Ort haben. Das ist ganz entscheidend für die Zukunft, in der wir mit Klimaveränderungen zu rechnen haben. Wir werden flexible, gesunde Sorten brauchen, die in der Lage sind, auf Veränderungen angemessen zu reagieren, Sorten, die wirklich aus sich heraus die Kraft haben, gesund und stabil zu bleiben, auch unter Bedingungen, die klimatisch schwierig sind.

Das ist nicht der Fall bei Züchtungen, die nur auf einen bestimmten Ertrag hin entwickelt wurden, oder auf bestimmte Spritz- und Düngemittel oder Giftstoffe angewiesen sind, um überleben zu können.

Ist es deshalb auch so wichtig, lokal angepasste Sorten zu tauschen? Kann man sagen, dass in einem Samenkorn die ganze Information des letzten Jahres – und eben auch die Anpassung der Pflanze an die klimatischen Bedingungen – gespeichert ist?

Ja, nicht nur die des letzten Jahres.
Jeder Samen trägt die Information mehrerer Generationen in sich, all das, was diese Sorte jemals erlebt hat: Klimatische Bedingungen, Witterungsverhältnisse und eben auch die Fähigkeit, sich an die jeweiligen Veränderungen anzupassen.

Ist es deswegen so wichtig, diese samenfesten Samen zu erhalten?

Ja, wobei das Gefühl von Verlust bei mir nicht an erster Stelle steht.
Natürlich sind auch Ängste präsent.
Ich halte es jedoch für viel wichtiger, den Menschen die Vielfalt schmackhaft zu machen, durch die besonderen Geschmackserlebnisse und die erstaunlichen optischen Eindrücke, wie z.B. mit Pflanzen wie Gartenmelde, Glückskleerübchen, Haferwurzel, usw.
Ich vermehre gerne Pflanzen, die einen vielfältigen Nutzen haben:
Pflanzen, die einerseits schön im Garten aussehen und den Blick erfreuen, aber gleichzeitig auch gegessen werden können; die sich im Garten auswildern und unkompliziert im Anbau sind. Und die auch – obwohl sie ungewöhnlich, alt oder vielleicht auch nicht hier heimisch sind, doch trotzdem gut hierher passen – wieder das Bild eines bunten Bauerngartens unserer Neuzeit entstehen lassen. Das interessiert mich und das möchte ich den Menschen auch nahe bringen.

Das ist für mich auch der Grund, warum ich mit dem Saatgut-Erhalten angefangen habe.
Es war nicht das beklemmende Gefühl, dass ich etwas retten muss, sondern vielmehr die Lust, etwas Schönes, Neues, Ausgefallenes in meinem Garten haben zu wollen und das auch für andere verfügbar zu machen.
Dabei habe ich feststellen müssen, dass es sehr schwer ist, solches Saatgut zu bekommen. So fing ich an, es in einem gewissen Rahmen auch selbst zu vermehren und zu erhalten.

Wie war Dein konkreter Einstieg in die Saatguterhaltung/-vermehrung?

Das ist schon fast 15 Jahre her. Als Kieler Studentin bin ich damals in einem BUND-Garten aktiv geworden. Dort hat eine ältere Frau gegärtnert, die den Garten bereits über Jahrzehnte lang betreut hatte. Und der war unheimlich vielfältig: Von seltenen Sorten über bunte Kartoffeln, Bohnen in allen Farben, gestreift, violett, essbare Wildpflanzen, etc. Sie kannte sich unheimlich gut aus.
Für mich gab es dort etliche Erlebnisse, über die ich den Einstieg gefunden habe: So habe ich dort zum ersten Mal einen Grünkohl blühen sehen, oder einen Salat. Aus meiner Kindheit kannte ich es nur, Dinge bis zur Genussreife im Garten zu haben.
Dort habe ich zum ersten Mal den ganzen Kreislauf miterlebt, vom Samenkorn bis zum Samenkorn. Das war für mich ein unglaublich tolles Erlebnis! Das und viele andere Entdeckungen haben mir eine ganz neue Beziehung zu den Pflanzen beschert.

Ich nehme an, dass du bei mehreren Saatgut-Festivals dabei bist. Auf denen hast du viel Kontakt zu Leuten, die ausgefallene Sorten suchen. Kannst du eine neue Lust an der Vielfalt feststellen?

Ja, schon. Ich denke, viele sind angeödet von dem Einheitsbrei, den es im Supermarkt gibt und dass es ganzjährig ein immer gleiches Repertoire an Sachen gibt.
Da ist eine Suche nach neuen Geschmackserlebnissen, wirklich auch nach etwas, das heimisch ist, was hier angebaut wird. Ebenso gibt es den Wunsch nach heimischen Wildkräutern, mit denen man die Küche bereichern kann. Viele fragen gezielt nach Wildpflanzen, nach alten Sorten oder nach Tomaten, die schmecken oder Radieschen, die scharf sind.

Ich merke auch, dass die Bereitschaft größer wird, sich mit Dingen auseinanderzusetzen und Vieles selber auszuprobieren.
Vor ein paar Jahren haben die Leute auf den Saatgutfestivals die bunten Bilder auf unseren Saatgut-Tütchen noch vermisst. Bei uns gibt es stattdessen “nur” eine komplizierte Anleitung. Das ist mittlerweile kein Thema mehr, und das zieht sich durch alle Generationen.

Nach ein paar Jahrzehnten des ‚Einheitsgemüses’ kommt jetzt also die Lust an der Differenzierung, an der Vielfalt und darauf, manche Lebensmittel selber Heranziehen und Ernten?

Ja genau. Die Leute sehen, dass es nicht nur Arbeit ist, oder Mühe macht, sondern, dass es auch Freude bereitet und ein Erfolgserlebnis ist, Pflanzen wachsen zu sehen. Daran mitbeteiligt zu sein, das macht vielen Spaß. Das motiviert dann auch, weiter zu machen und noch mehr auszuprobieren, vielleicht die Fläche auf dem Balkon oder im Garten zu vergrößern.

Wenn das jetzt eine Art kleine, neue ‚Bewegung für mehr Vielfalt’ ist, denkst du, es ist möglich, dass sie sich über solche Saatgutfestivals, wie dieses, weiter verbreitet? Oder müsste sich da noch etwas Grundlegendes ändern, damit wir wirklich Vielfalt erhalten können?

Das ist eine gute Frage. Ich denke schon, dass solche Veranstaltungen, wie dieses Saatgutfestival, einen guten Beitrag dazu leisten, in der Bevölkerung ein Bewusstsein für mehr Vielfalt zu wecken. Es gibt ja hier nicht nur Saatgut, sondern auch viel zu tauschen, Interessantes anzugucken und nette Menschen kennenzulernen.
Es ist auch ein Lebensgefühl, das hier entsteht. Es kann Interesse wecken, für eine ökologische Bewegung, für bestimmte Produkte, die sich einfach gut anfühlen und die Spaß machen.

Ich denke allerdings schon, dass es notwendig wäre, auch auf politischer Ebene ökologische Landwirtschaft im größeren Stil zu fördern, anstatt die konventionelle Agrarwirtschaft weiter zu unterstützen, die ja völlig abhängig ist von Erdöl und Spritz- und Düngemitteln. Das macht die Böden kaputt und damit die Ernährungsgrundlage für die Menschen, das kann nicht die Zukunft sein.

Was hier auf den Festivals rüberkommt, ist, dass Menschen etwas gemeinsam tun wollen, gemeinsam Verantwortung übernehmen, gemeinsam gärtnern und Spaß haben. Das sind viele Menschen, die zusammen etwas mit der Erde und für die Erde machen.

Aber noch etwas ist mir wichtig, zu vermitteln:
Saatgut ist ein Kulturgut, das die Menschen seit Jahrtausenden pflegen. Das meiste an unserer Nutzpflanzenvielfalt kommt von den Indianern, die eine ganz andere Beziehung zu den Pflanzen hatten. Für die war die Auseinandersetzung mit Pflanzen, die Beziehung zum Gärtnern mit Ritualen verknüpft. Pflanzen gehörten mit in diese göttliche oder geistige Welt.

Das ist eine ganz andere Form von Beziehung, als die, die sich in Rechten, Patenten oder künstlichen Züchtungsmethoden ausdrückt.
Kaum einer ist sich dessen bewusst, wie Menschen aus normalen Wildgras das heutige Getreide gemacht haben. Das ist etwas, das uns, selbst mit unseren modernen Methoden, schwer fällt nachzuvollziehen oder gar nachzuahmen.  
Gegenüber dieser erstaunlichen, kulturellen Leistung wünsche ich mir mehr Achtung und Bewusstsein.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Saatgutgesetze so formuliert, dass Saatgut nur zugelassen wurde, wenn es gleichbleibende Früchte hervorgebracht hat. Was damals von der Notwendigkeit geprägt war, viele Menschen mit wenig Saatgut ernähren zu müssen, passt doch eigentlich nicht mehr zu heute?

Ein Haus- oder Hobbygärtner hat ganz andere Ansprüche an Sorten, als der kommerzielle Händler, dessen Erträge gewisse Ansprüche an die Einheitlichkeit erfüllen sollen.  
Als Hausgärtner brauche ich diese Einheitlichkeit nicht unbedingt. Oftmals stört sie auch. So möchte ich z.B. nicht, dass alle Tomaten zur selben Zeit reif werden, weil ich nicht jeden Tag zehn Tomaten ernten will. Genauso brauchen meine Tomaten keine besonders feste Schale hat, denn sie müssen nicht um die halbe Welt verschifft werden.

Der Handel hat ganz andere Kriterien als der Hobbygärtner. Das wird aber in der Art und Weise, wie Sorten im Sortenamt betrachtet werden, nicht mit einbezogen.

Nehmen wir z.B. Getreide. Da gibt es eine Studie, die festgestellt hat, dass es um 1900 in einem Landkreis in Südtirol um die 500 Getreidesorten gab. Demnach hatte jedes Dorf eigene Sorten! Jetzt gibt es kaum noch regionale Sorten, weil es den Bauern zum Teil nicht einmal mehr erlaubt ist, ihr eigenes Getreide nachzubauen. Sie müssen jedes Jahr aufs Neue die Samen der Hybridsorten kaufen, da sie sich gar nicht nachbauen lassen.  
Und das gilt nicht nur für’s Getreide, bei Bohnen und Erbsen und anderen Sorten wird es nicht anders gewesen sein.

Momentan sind Hobbygärtner das Zielpublikum der Saatgutfestivals. Wäre es nicht möglich und wieder nötig, dieses Konzept der samenfesten Sorten und des Erhalts der Vielfalt auf die Landwirtschaft zu übertragen?

Ja, ich denke schon. Ich bin zwar keine Expertin in diesem Bereich, weil ich keine Landwirtin bin. Ich weiß aber, dass es in der Landwirtschaft einige Leuchtturmprojekte gibt.

Ein Beispiel davon gibt es in der der Demeter-Züchtung von Getreide, wo beim Kauf der Produkte an Züchterkreise gespendet wird, damit deren Arbeit finanziert wird. Da gibt es auch sehr fortschrittliche Projekte, wo interessante Getreidesorten mit natürlichen Methoden neu-gezüchtet oder auch rück-gezüchtet werden.
Ich finde das sehr vorbildlich und denke, dass sich das auch in größerem Stil durchsetzen sollte.

Um beim Getreide zu bleiben, merken wir ja heute schon, wie viele Allergien und Getreideunverträglichkeiten in den letzten Jahren aufgetreten sind, die man früher gar nicht kannte. Das mag einerseits daran liegen, dass man sie früher einfach nicht erkannt hat. Andererseits liegt dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch an der ungesunden Art des heutigen Anbaus, mit seinen übermäßig vielen Pestiziden.
Hinzu kommt, dass Getreidesorten sehr einseitig auf hohe Eiweiße und Kleber gezüchtet worden sind. Und das ist nicht gut für die Verdauung.  
Alte Getreidesorten waren da viel bekömmlicher, gesünder und vitaler.
Es ist an der Zeit, wieder auf eine größere Vielfalt zu setzen, denn die bisherige Entwicklung macht uns krank.

Das heißt, wir brauchen eine Umkehr von der Idee der Exklusivität des Saatguts – das nur Wenige in der Hand haben und viele darauf angewiesen sind – Saatgut muss wieder zurückkehren in die Hände der Bauern?

Ja genau. Diese „500 Sorten pro Landkreis“, das wäre doch vielleicht mal wieder ein Ziel!

Fragen an: Sabine Lütt
Markiert in: