SUSANNE GURA  — 1. VORSITZENDE DES VEN – VEREIN ZUR ERHALTUNG DER NUTZPFLANZENVIELFALT

Das Wort 'samenfest' ist erst entstanden, nachdem es die Hybride gab.
Vorher war es ganz klar, dass man Saatgut wieder aussäen kann. Das ist bei Hybriden nicht mehr möglich.
Man kann es zwar aussäen, aber das, was man erntet, ist nicht mehr sortenrein.

Beim 2. Düsseldorfer Saatgutfestival, am 12. März 2016,  nutzte Julia Wegenast die Gelegenheit für ein spannendes Gespräch mit Susanne Gura. 

Warum engagierst Du Dich für die Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt?

Unsere Ernährung beruht in erster Linie auf Pflanzen und den Kulturpflanzen, die der Mensch gezüchtet hat. Und deswegen wollen wir beim VEN diese Vielfalt an Kulturpflanzenarten erhalten. Nicht nur die Sorten, sondern auch die Arten!
Unsere Ernährung hängt ja heute nur noch von wenigen Arten ab: Weizen, Reis usw. Aber es gibt so viel mehr, was die Vielfalt ausmacht! Das Essen wäre ohne diese Vielfalt sehr langweilig.

Es ist einfach wichtig, dass sich viele Menschen um die Sortenerhaltung kümmern, denn der Weltmarkt für Saatgut ist schon sehr konzentriert.
Inzwischen besetzen die zehn größten Konzerne, die Saatgut anbieten, drei Viertel des Saatgut-Weltmarkts.
Von diesen zehn sind die Hälfte Chemiekonzerne. Und die Chemiekonzerne verdienen ihr Geld in erster Linie an der Chemie, also auch an Pestiziden.
Sie sind deswegen sehr daran interessiert, dass unsere Sorten abhängig werden von Pestiziden. Das wollen wir natürlich nicht.
Die drei geplanten Zusammenschlüsse, nämlich Bayer mit Monsanto, Syngenta mit ChemChina und Dow mit Dupont, würden die Lage weiter verschärfen. Deswegen müssen sie in möglichst vielen Ländern untersagt werden.

Im Moment geht es um die Zulassung von Glyphosat für weitere 15 Jahre. Das ist ein sehr gefährliches Gift, das sich sehr stark, insbesondere auf die Insektenwelt auswirkt und auch auf Vögel. Die Vögel ziehen sich ja inzwischen auch in die Städte zurück. Man findet auf dem Land kaum noch welche. Genauso ist es um die Insekten bestellt.

Das Glyphosat kommt von Monsanto und wird unter dem Namen Roundup verkauft. In jedem Baumarkt kann man es kaufen, wenn es dort eine Beratung gibt. Viel zu viele Leute vernichten damit immer noch Pflanzen, z.B. auf ihren Gehwegen und sollten es besser lassen.

Was kann jeder einzelne dafür tun, um Vielfalt zu erhalten?

Wenn man keinen eigenen Garten hat, kann man Nahrungsmittel kaufen, die »bio« sind und möglichst samenfeste Sorten enthalten.  
Wer einen Garten hat, kann selbst Gemüse und Kräuter anbauen und dabei auf samenfeste Sorten achten.
Die bekommt man aber meist nicht in Gartencentern und Baumärkten. Dort gibt es das Hybridsaatgut der großen Konzerne.
Auf den Samentütchen steht zwar nicht Monsanto drauf, aber es kann trotzdem drin sein. Sperli oder Kiepenkerl, einst bekannte Züchter, sind inzwischen nur noch Markennamen. Die meisten ihrer Sorten sind Hybride von verschiedenen Züchtern.
Wenn man etwas für die Vielfalt tun will, sollte man samenfestes Saatgut kaufen.

Worin liegt genau der Unterschied zwischen »Hybrid« und »samenfest «?

Das Wort 'samenfest' ist erst entstanden, nachdem es die Hybride gab. Vorher war es ganz klar, dass man Saatgut wieder aussäen kann. Das ist bei Hybriden nicht mehr möglich. Man kann es zwar aussäen, aber das, was man erntet, ist nicht mehr sortenrein.
Die Hybride entstehen in der Züchtung aus Inzuchtlinien. Bestimmte Eigenschaften werden durch Inzucht verstärkt und dann zwei solcher Inzucht-Linien miteinander gekreuzt. Deswegen heißen sie »hybrid«.
In der nächsten Generation »F1« sind sie besonders wüchsig und lassen eine gute Ernte zu. Wenn man dann im Folgejahr davon Saatgut nimmt und es wieder aussät, hat man allerdings nichts mehr davon. Denn ab der zweiten Generation lassen sich Hybride nicht mehr sortenrein vermehren. Sie bringen nicht mehr die gewünschten Eigenschaften ihrer Sorte.
Und so kommt es, dass man immer wieder Saatgut nachkaufen muss.
Die Landwirte haben höhere Erträge, die Züchterfirmen gesicherte Gewinne, die Vielfalt hingegen geht verloren.

Also ist so ein Saatgutfestival, wie wir es heute haben, wichtig, um an solche samenfesten, seltenen Sorten zu kommen?

Ja, auf jeden Fall! In den Bioläden gibt es Saatgut von den wenig übriggebliebenen Firmen, die noch samenfeste Sorten auf den Markt bringen.
Und bei solchen Saatgutfestivals wie hier, als auch im Internet, wo man noch viele kleine Anbieter findet, die samenfeste Sorten selbst anbauen und davon Saatgut ernten.

 

Fragen an: Susanne Gura
Markiert in: